1. Orthographische Konferenz von 1876

Schon lange gibt es ernsthafte Bestrebungen, den Wildwuchs und die häufig entstandene Regellosigkeit zu beseitigen. Ein Beispiel bietet die 1. Orthographische Konferenz von 1876.

Zur Konferenz vom 4. Januar 1876 (1. Orthographische Konferenz)
>>Die Beschlüsse richten sich vornehmlich gegen die überflüssigen Dehnungsbuchstaben, die sich im Laufe der Jahrhunderte in die deutsche Schreibung eingeschlichen haben oder als abgestorbene Reste ehmals ausgesprochener Laute ein stummes Dasein fortführen, wie a und h in Haar und wohnen (früher Har und wonen), h in Stahl (altdeutsch stahal). Die Conferenz hat einen grossen Theil dieser Auswüchse erbarmungslos fortgeschnitten. Sie bestimmt, dass bei den Vocalen a ou und ihren Umlauten ä ö ü innerhalb derselben Silbe sowohl die Verdopplung als der Zusatz eines h fortzufallen habe (ausgenommen als Wortschluss), so dass wir fürderhin schreiben würden: Sal, Mos, Jar, Wonung, Hun, wälen, versönen, füren, wie bis jetzt schon niemand Anstoss nahm an Qual, los, klar, Schonung, nun, schälen, verschönen, spüren.

Den Fortschritt, den noch unsere ältere Generation vom unnütz aufgeblasenen Schaaf und Haase zum einfachen Schaf und Hase, von Bluhme zu Blume gemacht hat, warum sollen wir ihn nicht in ähnlichen Fällen machen, aber in rascherem Tempo und allgemeinerem Umfange? Dem unverschämten Ein- und Aufdringling h ist weiterhin auch in seiner Verschmelzung mit t der Krieg erklärt. Wir danken der Conferenz, dass sie mit kühnem Messer das so lange belästigte t von dem Schmarotzer befreite, der seine Stelle auf allerlei Hintertreppen und durch Ueberlistung kurzsichtiger Sprachgelehrten erschlichen hat, ohne auch nur den geringsten Dienst zu leisten, wodurch er sein Dasein rechtfertigen könnte.<<

Schon der alte Originaltext zeigt, wie viele überflüssige und unsinnige Schreibweisen, trotz vielfach heftigen Widerstands, inzwischen durch oft sinnvollere ersetzt wurden. Das Dehnungs-h hat seltsamerweise wie viele andere Schreibweisen die Zeiten überlebt. Ihre Ziele konnte die 1 Orthographische Konferenz nicht durchsetzen. Bei der 2. Orthographischen Konferenz von 1901 wurden Beschlüsse gefasst und umgesetzt, es blieb aber bei einer Vereinheitlichung, die Systematisierung wurde nicht umgesetzt. Auf die "Gleichschaltung der deutschen Rechtschreibung" kann hier leider nicht eingegangen werden (s. a. Sprache im Nationalsozialismus). Gegner der verschiedenen Reformversuche verstehen in Reformbeschlüssen in der Regel nicht eine Weiterentwicklung der Schreibweisen, sondern einen Bruch darin. Aufgebrachte Reaktionen der Reformgegner, selbst über kleine Änderungen, wiederholen sich bis in die heutige Zeit.

Das bestehende Regelwerk zur Rechtschreibung lässt sich kaum umfangreich vermitteln. Der Anteil des Rechtschreibunterrichts ist angesichts des Umfangs von Regeln und Ausnahmen in einen zu engen Rahmen gesteckt. Viele Unterrichtsmaterialien sind in diesem Bereich auch nur eingeschränkt nutzbar. Online-Übungen stellen ergänzende Hilfen dar, können aber nie einen Lehrer ersetzen, der für den Schüler einen Weg durch den Dschungel von Regeln und Ausnahmen bahnen muss.

Jeder Versuch einer Änderung und Systematisierung der Rechtschreibung unterliegt seit 1876 leider dem nicht Sinn stiftenden flachen Witz von Alles-soll-immer-so-bleiben-wie-es-ist-lern. Schon die Änderung von daß auf dass und von dass auf das scheint heute den Untergang der Kultur zu beschwören.

Reformierte Rechtschreibung